Mehr Mut zur Meinung im Consulting

Die #BeraterBeraterin

Mehr Mut zur Meinung im Consulting

22. November 2022

(Foto von Dylan Hunter auf Unsplash)

„Definitely maybe”: So heißt das Debutalbum der Britpop-Band Oasis aus dem Jahr 1994.

Das schießt mir im Consulting immer wieder bei Interview-Vorbereitungen mit CEOs und in Corporate Influencer-Workshops durch den Kopf. Geht es darum, knackige Zitate oder Stories für die sozialen Medien zu entwickeln, entsteht Stress. Klare Meinung zu zeigen oder Thesen zu bilden, erzeugt offensichtlich Druck.

Nur “Mann beißt Hund“ ist eine Nachricht, tease ich dann gerne. So will ich Ecken und Kanten für den Austausch mit den Leitmedien hervorlocken. Aber einfach ist das nicht.

Daher frage ich mich:

  • Warum tun sich viele mit dem Kante zeigen so schwer?
  • Warum ist gerade das in dieser Polykrise entscheidend?
  • Welche Tipps gibt es neben dem „The Pain is the Pitch“ zur Schärfung der eigenen Meinung?

„Die lauteste Meinung hat häufig nicht die leiseste Ahnung“

Als Handelsblatt-Leserin seit Studientagen bin ich ein großer Fan der Imagekampagne der Agentur Thjnk.

Der Claim „Bereit für Neues Denken“ unterstreicht: Wir stehen vor einer Dekade der Disruptionen.

Was die Pandemie und der Ukrainekrieg eingeläutet haben, ist ein tiefgreifender Umbruch – ganz egal, ob man diese notwendige Neuordnung „Zeitenwende“ nennt oder nicht.

Wie beschreibt es Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes treffend:
Deutschland muss sich entscheiden: Wollen wir diesen Wandel nur erdulden – oder ihn gestalten?
Es werde immer deutlicher, „dass sich die Probleme der Zukunft nicht mehr mit den Rezepten der Vergangenheit lösen lassen.

Klar ist:
Es braucht Meinungen. Fundierte. Nicht einfach nur laute. Hier hätten die Top-Entscheider im Consulting und den großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften mannigfaltige Möglichkeiten.

Warum tun sich viele mit dem Kante zeigen so schwer?

Häufig liegt dieses Potenzial noch brach. Darüber stolpere ich seit meinen Booz&Company-Tagen. Wenn es darum ging, Interviews mit Leitmedien vorzubereiten, fiel das bei Studienlaunches leicht. Schließlich gab es hier das Thought Leadership, an dem sich die Partner mit Zahlen/Daten/Fakten entlanghangeln konnten.

Aber zugespitzte Meinungen zu den Metathemen der Wirtschaft oder provokante Prognosen über spezifische Transformationen? Heute wie damals erlebe ich Zögern, Schachtelsätze in „sowohl-als-auch“-Manier oder massive Blockaden.

In meiner Kolumne „Die sieben Sünden der PR – und wie man sie im Consulting elegant umgeht“ beschreibe ich das als Versuch, „einen Pudding an die Wand nageln“; sprich: der Versuch, aussagenfreie PR-Inhalte zu lancieren, um möglichst unangreifbar zu bleiben.

Drei Gründe, warum Berater mit der Meinungsäußerung fremdeln

1. Stress

Auch wenn sich durch New Work seit der Pandemie einiges geändert hat: Ich kenne keinen CEO/Country Manager oder Senior Partner in Beratungen und WPs, der weniger als 70 Stunden arbeitet. Oft fehlt die Freiheit, sich zurückzuziehen und losgelöst vom Tagesgeschäft auf die Welt zu blicken.

2. Typische Curricula im Consulting

Im Vergleich zu allen Industrien investiert die Beratungsbranche vermutlich am stärksten in ihre Mitarbeiter. Es gibt so gut wie keinen Skill, der nicht trainiert wird. Die Meinungsbildung und sie zu äußern, gehört jedoch nicht dazu. Dabei könnten Workshops für junge Berater zum Thema „Was ist eine Meinung – und was ist keine“ eye-opening sein.

3. Hausinterne Powerplays

Wer im Consulting oder den Prüfungsgesellschaften nach oben will, braucht nicht nur entsprechende Umsätze, sondern auch die interne Machtbasis. Wer die richtigen Mandate betreuen möchte oder Stimmen für die Promotion oder Vorstandsentscheidungen braucht, hängt sich ungern zu weit aus dem Fenster. Eine zu laute Stimme in den Medien oder gar ein Shitstorm könnte zu Kritik der Kollegen führen.

Die DNA der Branche ist eher hinderlich für Meinungsbildner

On top zu den drei genannten Gründen kommt die DNA der Branche. So treffe ich in meinen Positionierungsprojekten und besonders den Medientrainings häufig auf zwei MyersBriggs-Persönlichkeitstypen.

Genau diese tun sich jedoch besonders schwer mit der Meinung.

  • Die INTJ-Typen – Sie sind i.d.R. strategisch und konzeptionell sowie innovativ, unabhängig und logisch. Eigentlich wären sie also prädestiniert, überzeugende, langfristige Visionen zu entwicklen und für komplexe Probleme innovative Lösungen zu entwickeln.
    Für die offene Kommunikation ihrer Meinung steht ihnen jedoch das „I“ – die eigene Introversion – im Weg. Sie tendieren lieber zum „overthinking“.
  • Die ENTJ-Typen – An sich macht sie ihr kompromissloses, analytisches Denken über die Zukunft zu geborenen Meinungsführern. Hier steht eher das interne Machtspiel im Weg.

Zusammen führt dies oft zum Verhaltensmuster:

Ich halte mir alle Karten offen und verscherze es mir nicht mit Klienten, die anderer Meinung sein könnten.“

Warum zahlt sich eine pointierte Meinung aus?

Vor gut einem Jahrzehnt gab es die Stefan Raab-Show „Meinung muss sich wieder lohnen„. Dieses Motto gilt stärker denn je. Klienten brauchen Orientierung. Hier können Berater und Wirtschaftsprüfer mit ihrer Expertise punkten. Wer täglich die unterschiedlichsten und sehr spezifischen Probleme seiner Klienten lösen muss, weiß um die sprichwörtlichen „Pain Points“.

„Pain is the pitch“ – eine starke Leitplanke zur Meinungsfindung

Wer die Pain Points von Heute in den Bereichen Finance, Produktivität, Prozess und Implementierung wie seine Westentasche kennt, kann seriös extrapolieren, wie diese Morgen aussehen. Und er kann – und sollte – dieses „pain is the pitch“ als Leitplanke zur Meinungsfindung und -äußerung nutzen.

Genau diese Problemlösungsfähigkeit ist nicht nur das Werteversprechen für Klienten, sondern die Basis für alle pointierten Meinungsäußerungen – egal ob im Handelsblatt, dem Corporate Blog oder auf LinkedIn.

Was ich zur Notwendigkeit zum CEO Aktivismus denke, lesen Sie in meiner Kolumne: „Haltung zeigen – Ist CEO Aktivismus für Consultants jetzt das Gebot der Stunde?“!

Vier Tipps, wie Sie aus der „Definitely maybe”-Falle gelangen

1. Benchmarken Sie sich selbst: Wo sind Sie stark? Und: Wo hinken Sie hinterher?

„Catch-up“ zu spielen und existierende Meinungen zu wiederholen, bringt weder Zitate noch echte Meinungsführerschaft. Stellen Sie sich in Ihrem Fachgebiet ehrlich auf den Prüfstand und überlegen: „Mit welchen Aussagen und Zukunftsableitungen kann ich die Schraube noch weiterdrehen?“.
Was dabei wichtig ist? Finger weg von Eigenwerbung. Nur aus den eigenen Studien zu zitieren, verbietet sich.

2. Formulieren Sie Ihr persönliches Kommunikationsziel samt konkreten Beispielen

Definieren Sie Ihr übergeordnetes Kommunikationsziel. Denn ohne SOCO – das ‚single overriding communications objective‘ – geht gar nichts. Wer das hat, kann die darunterliegenden Botschaften bilden. Für diese gilt das MECE-Prinzip: ‘mutually exclusive and collectively exhaustive’. Wer Klarheit in seiner Botschaftspyramide und seinem Message-House hat, kommuniziert präzise statt ‚wischiwaschi‘. Sammeln Sie Beispiele, die nicht schon breitgetreten wurden.
Et voilá: Sie haben Thesen, die zitierfähig sind!

3. Nehmen Sie sich bewusst Zeit für Ihr eigenes Thought Leadership

Lesen Sie! Nicht nur hauseigene Studien, sondern die internationalen Leitmedien, Bücher, Blogs, Social Media etc. Wer nur im eigenen Saft schmort, wird nicht zum Nordstern für andere.

sowie last but not least

4. Investieren Sie in Medientrainings für sich und Message-Workshop für Ihre Teams

Wer die nächsten Pitches gewinnen und als Meinungsbildner vorangehen will, braucht Sparringspartner. Sowohl um sich zu reiben, als auch die eigenen Botschaften zu testen und zu schleifen. Gönnen Sie sich immer wieder ein Medientraining mit einem Experten. Ermöglichen Sie Ihren Teams Message Workshops. Gerade im War for Talents braucht es keine Corporate Clone-Krieger, die Ihre Pressemitteilung re-posten, sondern Menschen mit Meinungen. Die Engagementraten in den Social Media werden steigen. Die Bewerbungen auch.

Fazit: Ihr Mut zur Meinung wird zum starken Wettbewerbsvorteil

Nutzen Sie die aufziehende Rezession, um aus der “Definitely maybe” -Haltung zur klaren Meinung überzugehen. Rezepte der Vergangenheit werden der aktuellen Komplexität nicht gerecht. Suchen Sie also die Rezepte für die Zukunft.

Ihre Klienten werden es Ihnen danken. Sie wissen ja: Menschen kaufen von Menschen und nur von denen, denen sie nachhaltig vertrauen. Auch Ihre Kommunikationsberater danken es Ihnen. Denn für diese gibt es keine größere Belohnung als starke Zitate in Handelsblatt, FAZ oder WirtschaftsWoche. Trauen Sie sich!


Autorin: Susanne Mathony

Susanne Mathony
Susanne Mathony

Die Positionierung von Marken und Menschen sind meine Leidenschaft. Seit mehr als zwei Jahrzehnten lebe ich mit CEO-Positionierung, strategischer Marketing- und Kommunikationsberatung, PR und Business Storytelling meine Berufung aus.
Hinzugekommen ist 2014 die Social Media-Beratung. Hier liegt der Schwerpunkt auf dem #SocialCEO sowie dem Personal Branding und -Positioning von Vorständen und Teams auf LinkedIn.Meine Heimat ist Professional Services. Auf GSA- und EMEA-Ebene arbeitete ich u.a. für AlixPartners, Andersen Consulting (heute Accenture), Strategy& sowie Russell Reynolds Associates.
Als Politologin und ausgebildete Journalistin startete ich meine Karriere in einem Think Tank in Washington D.C..


Unsere Newsbeiträge, die Sie zum Thema interessieren könnten:

Consulting-CEOs gehören ins Rampenlicht – auch wenn sie „nur“ Primus inter Pares sind
Consulting-CEOs gehören ins Rampenlicht – auch wenn sie „nur“ Primus inter Pares sind
Ratgeber für den erfolgreichen Social CEO: Starke Argumente für die digitale Sichtbarkeit
Der erfolgreiche Social CEO: Starke Argumente für die digitale Sichtbarkeit
CEO Haltung zeigen
Haltung zeigen – Ist CEO Aktivismus für Consultants jetzt das Gebot der Stunde?