Die #Beraterberaterin

Beratungen und ihr Purpose: Kommt jetzt die Sinnstiftung in Zeiten von COVID-19?

7. April 2020

„Purpose“: ein Begriff, der gerade in der Krise an Bedeutung gewinnt. Doch wie verhält es sich aktuell mit dem „Purpose“? Folgen schönen Worten auch gute Taten? Beraterberaterin Susanne Mathony stellt die Frage nach dem Pro-Bono-Marshallplan.

Die COVID-19-Pandemie erweist sich als Black-Swan-Moment, auf den niemand vorbereitet war. Neben der humanitären Katastrophe ist es eine singuläre Herausforderung für die Weltwirtschaft. Geht es dieser schlecht, geht es auch der Beratungsbranche schlecht. 
Laut Source Global könnte der Markt in Europa um 28% einbrechen. Umsatzeinbußen wie nach dem Platzen der Dot.com-Blase oder nach 9/11 scheinen unvermeidlich.

Neben Herausforderungen wie die Umstellung auf remote work/home office oder der Wegfall von Face-to-Face-Meetings und zähem Business Development, kommt es zum Lackmustest: Wie halten es Consultants jetzt mit ihrem „Purpose“?

Wie an den Covern unzähliger Wirtschaftsbücher zu erkennen ist, erfreut sich dieser Begriff seit dem Jahr 2010 hoher Popularität. Dabei unterscheidet sich die Frage nach dem Sinn einer Organisation fundamental von Milton Friedman’s Gebot (1970). Dieser manifestierte die soziale Verantwortung eines Unternehmens allein in der Profitsteigerung. Dem gegenüber positionierte sich Laurence D. Fink, CEO der Fondsgesellschaft BlackRock mit seinem Statement im Annual Letter 2018. Im Gegensatz zu Friedman postuliert dieser, dass nur diejenigen im Laufe der Zeit einen Erfolg aufweisen werden, welche sowohl finanzielle Leistungen erbringen als auch zeitgleich aufzeigen, welchen positiven Beitrag sie für die Gesellschaft leisten. Dieses Statement trat eine ganze Bewegung los.
Auch Berater treibt die Frage nach der eigenen Bestimmung: „Warum gibt es uns?“ und dem berühmten „Why“ von Simon Sinek um. Sowohl als Teil des Beratungsportfolio als auch für die eigene Wertedefinition. Egal, ob man Purpose bei den Big Three oder den Hidden Champions in die Suchmaschinen eingibt: Dutzende Treffer.
Boston Consulting kaufte schon 2015 die Spezialberatung BrightHouse, Roland Berger hob den Begriff 2018 auf das Cover von „Think:act“, Horvarth & Partner lancierte die Studie „North Star: Purpose-driven Leadership for the 21st Century“, bei McKinsey steht es auf dem aktuellen „Akzente“-Magazin.

Purpose: Zaubermittel im War for Talents

Purpose-orientierte Unternehmen erfüllen nicht nur die Erwartungen der Verbraucher und der Gesellschaft, sie wachsen auch schneller als der Wettbewerb und sind weniger anfällig für konjunkturelle Schwankungen. Laut „Global Leadership Forecast 2018“ von Ernst & Young weisen „Purposeful Organisations“ um 42% bessere Finanzergebnisse als der Durchschnitt auf. Laut McKinsey steigern Purpose-orientierte Marken ihren Wert im Durchschnitt doppelt so schnell wie der Wettbewerb.

Purpose funktioniert zudem als Bindemittel innerhalb des Unternehmens, sprich steigert die Attraktivität für Bewerber und die Motivation der Mitarbeiter. Im War for Talents der letzten Jahre war „Purpose“ das Zauberwort für Beratungen, um Top-Talente zu gewinnen und binden. Mit Sabbaticals und aufwendigen Programmen zur Arbeitszeitflexibilisierung oder Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurde gelockt, um einen Ausgleich für 70 Stundenwochen und viele Hotelübernachtungen fern der Familie zu bieten.

Ein neuer Marshall-Plan der Restrukturierungsberater – wettbewerbsübergreifend und pro-bono? 

Was geschieht mit all den Beratern, die aufgrund des exogenen COVID-19-Schocks „on the beach“ sind – und dort vermutlich noch länger bleiben, da Projekte der nächsten Monate primär operativ restrukturierungsgetrieben sein dürften statt langfristig strategisch?
Und: Wie wirkt sich die drohende Rezession auf die Recruiting-Pipeline aus? Schon jetzt hört man von hiring freeze und dem Kündigen von Verträgen mit Hochschulabsolventen, die ihre Beraterkarriere erst einmal nicht starten können. 
Jetzt zeigt sich, ob die Purpose-Statements halten, was sie versprochen haben. Vielleicht ist ein Teil dieser Sinnstiftung dann womöglich, die eigene Expertise in COVID-19-relevanten Bereichen praktisch zu demonstrieren, statt dies in Dutzenden von (theoretischen) Studien zu kommunizieren. Zum Beispiel die Beschaffung der benötigten Milliarden Schutzmasken zu orchestrieren. Oder das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, den Mittelstand, vor der großen Pleitewelle zu bewahren; sprich Manpower und Know-how als Investition in die Zukunft. Oder Berater freistellen, um Hand anzulegen im Bereich von Logistik und Administration von Krankenhäusern und Pflegeheimen am Limit. 
Werte durch Werte schaffen, indem die Details des Exit aus dem Lockdown gemeinsam mit Politik, Wirtschaft und Forschung erarbeitet werden.

Kühn gedacht

Ist dies womöglich die Zeit für einen zweiten Marshall-Plan? Dieses Mal von den besten Restrukturierungsexperten wettbewerbsübergreifend – und pro-bono – mit dem sie auszeichnenden Speed vorangetrieben? Außergewöhnliche Zeiten verlangen außergewöhnliche Taten. Hier liegt eine große Chance für die Professional Services: Beraten durch Taten! Sinnstiftung und Imagegewinn für die Post-COVID-Welt wären inklusive.

view Consulting.de article